
Vielleicht können Sie sich noch erinnern. Letztes Jahr vor Weihnachten habe ich diesen Leitartikel überschrieben mit „Dem Herrn entgegeneilen“. Ich habe das Tagesgebet des 2. Adventsonntags zitiert, wo es heißt: „Lass nicht zu, dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohn entgegenzugehen“ und ich habe aufmerksam gemacht, dass es im lateinischen Messbuch sogar heißt „entgegenzueilen“. So wie die Hirten in der Heiligen Nacht und auch wie die Heiligen drei Könige sich auf den Weg zur Krippe gemacht haben, so sind wir eingeladen aufzubrechen und auf Gott zuzugehen.
In Augsburg gibt es die sehenswerte Moritzkirche. Vorne ist ein Auferstandener, der auf den Betrachter zukommt. Ich liebe diese Kirche mit dem entgegeneilenden Christus. Immer wenn ich in Augsburg bin, gehe ich in diese Kirche, weil es mir jedes Mal gut-tut, wenn ich ihn sehe. Inzwischen bin ich draufgekommen, dass in einer Kirche in der Nähe, in der Barfüßerkirche, vom selben Künstler ein Christkind zu sehen ist. Es ist aber kein Säugling, sondern ein ca. vierjähriger Junge, ein Christkind, das mit erhobenem segnendem Arm im Eilschritt auf uns zukommt. Auch dieses Christkind hat mich sehr berührt. Es zeugt von einem Gott, der auf uns zukommt, im Eilschritt.
Dazu die Hintergründe: Georg Petel hat diese beiden Statuen zur Zeit des 30-jährigen Krieges geschaffen. Der 30-jährige Krieg war einer der schrecklichsten Kriege aller Zeiten. Ein Drittel der Menschen mussten sterben, entweder durch das Schwert, Hunger oder Seuchen. In diese grausame Zeit hinein schafft Georg Petel diese beiden Figuren – das entgegenlaufende Christkind und den entgegeneilenden Auferstandenen – und gibt damit Zeugnis von seinem Glauben und von seiner Hoffnung, dass Gott in die Welt kommt und das Unheil in Heil verwandelt. Petel muss wirklich einen tiefen Glauben und eine starke Hoffnung gehabt haben. Ein Detail am Rande: Das Augsburger Christkind streckt uns das Victory-Zeichen, das Siegeszeichen, entgegen. Petel will vermutlich damit sagen, dass er überzeugt ist, dass Gott alles Unheil besiegen wird, dass alles gut wird.
Wir hier in Mitteleuropa haben – Gott sein Dank – keinen Krieg! Aber auch wir sind gesellschaftlich, kirchlich und oft auch persönlich in schwierigen und herausfordernden Situationen.
Gott kommt auf uns zu, er eilt uns entgegen! Das ist für mich die diesjährige Weihnachtsbotschaft und ich möchte sie auch an Sie weitergeben:
Gott kommt uns im Kind von Betlehem entgegen und will auch in uns alles Dunkle in Licht verwandeln, alles Unheile in Heil, allen Hass in Frieden! Geben wir Gott den entsprechenden Raum in unserem Leben!
Mein Weihnachtswunsch dieses Jahr ist, dass wir immer wieder Gottes Gegenwart, seine Nähe und sein verwandelndes und heilendes Wirken in unserem Leben entdecken können!
Ihr Generalvikar Hubert Lenz
Die Figur „Christkind“ in der Barfüßerkirche in Augsburg wurde 1632 von Georg Petel geschaffen. Sie wurde im Jahre 1750 auf die Spitze des Schalldeckels der Kanzel gesetzt, die 1944 durch Bomben zerstört wurde. Erzählungen zufolge ging eine Frau aus der Gemeinde während einer Bombenpause in die brennende Kirche, wo sie das Christkind auf dem Boden liegend neben der zerstörten Kanzel fand und nahm es mit in den Luftschutzkeller. So blieb das vielleicht anrührendste Ausstattungsstück dieser Kirche erhalten. Heute ist das Christkind auf einem Wandpodest im Chorraum positioniert und scheint dem Betrachter entgegenzulaufen.
Artikel aus dem KirchenBlatt Nr. 47 vom 19. Dezember 2024. Zum Login der Digital-Ausgabe
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